Kapitel 1 – Der Tag vor der Stille
Der 23. Dezember begann grau.
Nicht dramatisch grau, eher dieses gedämpfte Wintergrau, das alles langsamer machte. Neufahrn lag unter einer dünnen Schicht aus Reif, die Straßen waren ruhig, als hätte die Welt beschlossen, einen Gang herunterzuschalten.
Dschordschi stand am Küchenfenster, eine Tasse Kaffee in der Hand, und sah zu, wie sein Atem die Scheibe leicht beschlug.
Der Kalender an der Wand zeigte es eindeutig: 23.12.
„Fast geschafft“, murmelte er.
Der Alltag lief weiter, aber er fühlte sich brüchig an. Mails wurden noch geschrieben, Pakete zugestellt, letzte Besorgungen erledigt – und doch hing über allem diese unausgesprochene Erwartung: Bald wird es still.
Kapitel 2 – Dinge, die erledigt werden müssen
Im Laufe des Vormittags erledigte Dschordschi all das, was man erledigt, um mit sich selbst ins Reine zu kommen.
Er brachte den Müll raus.
Er sortierte alte Unterlagen.
Er löschte Dateien, die niemand mehr brauchte.
Dabei fiel ihm auf, wie sehr er diese scheinbar banalen Handlungen mochte.
Sie gaben Struktur. Ordnung. Kontrolle.
Ironisch, dachte er kurz – und schob den Gedanken beiseite.
Seine Hüfte meldete sich leicht, ein sanftes, vertrautes Pochen. Kein Schmerz mehr, eher eine Erinnerung. Eine Narbe, die gelernt hatte zu arbeiten.
„Schon gut“, sagte er leise. „Ich hab dich nicht vergessen.“
Kapitel 3 – Ein Spaziergang durch den Nachmittag
Am frühen Nachmittag zog er sich warm an und ging hinaus.
Neufahrn wirkte verändert. Menschen gingen langsamer, grüßten einander häufiger. Kinder zogen Schlitten über Wege, auf denen kaum Schnee lag.
Er lief ohne Ziel, ließ sich treiben.
Der Weisse Wolf war heute nur ein Mann mit Mütze, Schal und nachdenklichem Blick.
Doch etwas stimmte nicht.
Es war dieses Gefühl, beobachtet zu werden – nicht konkret, nicht greifbar.
Eher so, als würde jemand eine Gleichung vorbereiten, deren Ergebnis noch fehlte.
Er blieb stehen, sah sich um.
Nichts.
Kapitel 4 – Das Haus atmet anders
Zurück in der Wohnung empfing ihn Stille.
Keine angenehme Stille – eher eine gespannte.
Er legte die Jacke ab, stellte die Schuhe ordentlich nebeneinander.
Ordnung beruhigte ihn.
Als er den Laptop aufklappte, geschah… nichts.
Keine Meldung. Kein Flackern. Kein Satz auf dem Bildschirm.
Das war neu.
Der Ordonnator hatte sich nie durch Abwesenheit angekündigt.
Dschordschi runzelte die Stirn.
„Das mag ich nicht“, sagte er leise.
Kapitel 5 – Der Abend rückt näher
Gegen Abend kochte er sich etwas Einfaches. Suppe. Warm. Ehrlich.
Während sie köchelte, hörte er draußen vereinzelte Schritte, das leise Zuschlagen von Autotüren, das entfernte Rattern eines Zuges.
- Dezember.
Der Tag vor der großen Pause.
Er setzte sich an den Tisch, aß langsam.
Dann fiel sein Blick auf den Bildschirm, der noch immer schwarz war.
Zu schwarz.
Kapitel 6 – Die erste Abweichung
Kurz vor 22 Uhr, als er gerade das Licht im Wohnzimmer dimmen wollte, geschah es.
Nicht laut.
Nicht spektakulär.
Ein einzelnes Zeichen erschien auf dem Bildschirm.
Kein Wort.
Keine Zahl.
Nur ein Symbol – eine einfache geometrische Form, sauber, perfekt ausgerichtet.
Dschordschi blieb stehen.
Er kannte dieses Zeichen nicht.
Aber es kannte ihn.
Unter dem Symbol erschien eine Zeile:
„Vorausberechnung abgeschlossen.“
Er atmete langsam aus.
„Also doch“, sagte er ruhig.
Kapitel 7 – Der Wolf erhebt sich
Er trat näher an den Bildschirm heran.
Die Hüfte reagierte, ein kaum wahrnehmbares Summen, als würde etwas in ihm aufmerksam werden.
Der Weisse Wolf war noch nicht sichtbar.
Aber er war da.
Bereit.
Auf dem Bildschirm erschien die zweite Zeile:
„Morgen ist ein geeigneter Zeitpunkt.“
Der Bildschirm wurde schwarz.
Dschordschi stand lange da, bewegungslos.
Dann griff er zur Maske, die ordentlich neben dem Regal lag.
„Dann sehen wir uns morgen“, sagte er leise.
Draußen begann es, ganz sachte, zu schneien.
