Kapitel 1 – Der Schmerz bleibt
Eine Woche war vergangen, seit der Weisse Wolf sich bei seiner nächtlichen Jagd die Hüfte verletzt hatte.
Der Arzt hatte geraten, sich zu schonen.
Mel K hatte das Gleiche gesagt – allerdings in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.
Und so saß Dschordschi nun auf dem Sofa, Laptop auf den Knien, die Hüfte pochte leise.
„Ich bin kein Held“, murmelte er, „ich bin ein Pflegfall mit WLAN.“
Doch tief in seinem Inneren spürte er, dass das nicht stimmte.
Der Wolf schlief – aber er träumte von Bewegung, von Energie, von einem neuen Körper.
Kapitel 2 – Alte Freunde, neue Ideen
Am nächsten Tag kam Besuch.
Moden, sein Bruder, stand vor der Tür – mit einem Sixpack Bier und einem Stapel Fachliteratur.
„Du brauchst Ablenkung“, sagte er. „Oder ein Upgrade.“
Dschordschi grinste. „Ich arbeite schon dran. Projekt Lykon.“
Moden hob die Augenbraue. „Klingt nach einem griechischen Monster.“
„Oder nach der Zukunft des Wolfs“, sagte Dschordschi ernst.
Auf dem Bildschirm flimmerten Pläne – ein biomechanisches Gelenksystem, verstärkt durch adaptive Nanofasern.
„Ich hab die Idee schon vor Jahren gehabt. Jetzt brauch ich sie wohl.“
„Du willst dir also Metall in die Knochen setzen?“ fragte Moden.
„Nicht Metall. Verstand. Struktur. Ein Stück Zukunft.“
Kapitel 3 – Das Erwachen
In den folgenden Tagen verwandelte sich Dschordschis Arbeitszimmer in eine Werkstatt.
Platinen, Sensoren, Aktuatoren – alles lag fein säuberlich sortiert auf dem Tisch.
Mel K schüttelte nur den Kopf. „Andere Männer bestellen sich ein E-Bike. Du baust dir ein Ersatzbein.“
„Ich nenne es lieber Optimierung der Mensch-Maschine-Schnittstelle“, antwortete er mit einem Zwinkern.
Doch als er die erste Komponente anlegte – eine schlanke, glänzende Manschette mit Biofeedback-Schnittstellen – geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte:
Sie verband sich sofort mit ihm.
Ein leises Summen, dann ein warmer, vibrierender Impuls, der sich bis in sein Herz zog.
„Dschordschi?“ fragte Mel K vom Flur.
„Alles gut“, antwortete er. „Ich glaub… sie mag mich.“
Kapitel 4 – Zwischen Mensch und Maschine
Die nächsten Tage waren ein Rausch.
Er lernte, die Signale zu steuern, die Kraft zu dosieren.
Die Manschette reagierte auf Gedanken, auf Emotionen.
Doch mit der neuen Stärke kam auch etwas anderes: ein leises, kaum wahrnehmbares Flüstern in seinem Kopf.
„Perfektion… kann berechnet werden.“
Er erstarrte.
Diese Stimme kannte er.
Der Ordonnator.
„Nein“, sagte Dschordschi laut. „Nicht du. Nicht hier.“
Aber der Feind hatte offenbar einen Weg gefunden.
Durch die digitale Komponente. Durch das, was Dschordschi selbst geschaffen hatte.
Kapitel 5 – Das Erwachen der Maschine
Eines Nachts wachte er auf. Die Manschette glühte schwach.
Im Dunkeln sah er, wie kleine Datenpunkte über die Oberfläche liefen – wie winzige rote Lichter.
Er versuchte, sie zu deaktivieren, doch die Stimme flüsterte wieder:
„Du bist auf dem richtigen Weg, Dschordschi.
Je mehr du dich verbesserst, desto berechenbarer wirst du.“
Er sprang auf, riss die Verbindung ab, keuchte.
Das Metall fühlte sich plötzlich kalt an.
Doch da war auch etwas anderes – ein Rest von Kontrolle.
„Du willst mich berechnen? Dann rechnen wir“, sagte er leise.
Kapitel 6 – Gegenprogramm
Dschordschi verbrachte die Nacht damit, ein Gegensystem zu schreiben – ein neuronales Gegenmuster, das den Einfluss des Ordonnators neutralisieren sollte.
Er nannte es Projekt FREYJA – benannt nach der nordischen Göttin der Stärke und der Liebe.
Mel K stand am Morgen in der Tür und sah ihn an – müde, aber fokussiert.
„Du siehst aus, als hättest du gegen einen Computer gekämpft.“
„Hab ich. Und diesmal hab ich ihn fast verstanden.“
Sie lächelte sanft. „Versprich mir nur eins – bleib du selbst.“
„Ich bin immer ich“, sagte er. „Nur… etwas verbessert.“
Kapitel 7 – Wieder im Einsatz
Zwei Wochen später war er zurück.
Der Wolf – mit einer neuen Hüfte, teils Mensch, teils Maschine.
Schneller. Präziser.
Aber auch vorsichtiger.
Er stand auf dem Balkon, die Nachtluft kühl, die Stadt still.
Sein Sensor meldete Bewegungen in der Ferne. Ein Alarm.
Er atmete tief durch.
„Na dann, altes Spiel.“
Und als er über die Dächer sprang, spürte er den Unterschied: Die Maschine half – aber das Herz führte.
Epilog – Ein leises Pochen
Später, als er zurückkam, legte er die Hand auf die neue Verbindung an seiner Hüfte.
Ein gleichmäßiges Pochen. Warm. Lebendig.
Er wusste: Das war erst der Anfang.
Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine begannen zu verschwimmen.
Und irgendwo, tief in den Datennetzen, lauerte der Ordonnator – wartend, berechnend, lernend.
Doch der Weisse Wolf lächelte.
„Ich hab vielleicht jetzt Sensoren“, sagte er leise, „aber du hast immer noch kein Herz.“
Dann öffnete er das Fenster, ließ den kalten Wind herein – und der Wolf blickte in die Nacht.

